Der Klassiker über die Kraft der Gedanken!

 

selbstbemeisterungDie Selbstbemeisterung durch bewusste Autosuggestion

von Émile Coué 

Kurzbeschreibung:
"Suggestion, oder vielmehr Autosuggestion ist einerseits etwas ganz Neues, andererseits jedoch so alt wie die Welt". Mit diesen Worten beginnt der französische Apotheker Émile Coué seinen Vortrag über Autosuggestion, mit der er eine neue Form der Psychotherapie begründete.

 

Über den Autor:
Émile Coué, 1857-1926, französischer Apotheker und Psychotherapeut, beschrieb als erster die Autosuggestion, weil er festgestellt hatte, dass sie weit besser wirkte als all die Pillen, die er auf ärztliche Verordnung seinen Kunden abgab.

 

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Hier einige Schlagwörter, zu denen Sie im Buch mehr erfahren:

Autosuggestion, Suggestionen, krank, heilen, Wille, Vorstellung, Anspannung, Kinder, Gedanke, Vertrauen, Verletzungen.


Leseprobe des Buches:

Suggestion, oder vielmehr Autosuggestion ist einerseits etwas ganz Neues, andererseits jedoch so alt wie die Welt.

Neu ist sie deshalb, weil sie bisher ungenügend erforscht und folglich nicht richtig erkannt wurde, alt weil sie besteht, seitdem die Erde von Menschen bewohnt ist. Autosuggestion ist nämlich ein Werkzeug, das wir schon bei der Geburt besitzen, und diesem Werkzeug oder, besser gesagt dieser Kraft wohnt eine unerhörte und unberechenbare Macht inne, die – je nach ihrer Anwendung – sehr gute oder sehr schlechte Wirkungen hervorbringt. Die Kenntnis dieser Kraft kann jedem von uns nützen, doch geradezu unentbehrlich ist das Wissen um sie für Ärzte, Richter, Anwälte und Erzieher junger Menschen.

*

Wer die Erscheinungen der Suggestion oder, besser gesagt, der Autosuggestion recht begreifen will, muss von der Tatsache ausgehen, dass in uns zwei grundverschiedene Wesenheiten wirksam sind. Beide sind mit Erkenntnismitteln ausgerüstet; aber während der eine Teil unseres Ich uns bewusst ist, bleibt der andere unter der Schwelle unseres Bewusstseins. Deshalb werden wir dieses Unbewussten im Allgemeinen gar nicht gewahr. Doch ist sein Vorhandensein leicht zu erweisen; es genügt, gewisse Erscheinungen näher ins Auge zu fassen und ein wenig zu überdenken.

Hier einige Beispiele:

Jedermann kennt die Erscheinung des Nachtwandelns; jedermann weiß: Ein Nachtwandler steht nachts auf, ohne geweckt worden zu sein, verlässt sein Zimmer (nachdem er sich angekleidet hat oder auch nicht), steigt Treppen hinunter, eilt durch Gänge, tut dann etwas, beendet sogar begonnene Arbeiten, kehrt in sein Zimmer zurück und legt sich wieder ins Bett; am nächsten Morgen ist er dann außerordentlich erstaunt, seine Arbeit fertig zu finden, die er am Abend vorher unbeendet liegen gelassen hatte.

Und doch war er es selbst, der seine Arbeit beendet hat, ohne es zu wissen. Welcher Macht hat sein Körper dabei gehorcht, wenn nicht einer unbewussten – seinem „Unbewussten“?

Betrachten wir nun den nur allzu häufigen Fall eines Alkoholikers im „Delirium tremens“. Wie ein Tobsüchtiger packt er irgendeine Waffe, ein Messer, einen Hammer, ein Beil und schlägt wütend auf jeden los, der ihm unglücklicherweise in den Weg läuft. Wenn nach einem solchen Anfall der Mann wieder zu Sinnen kommt, betrachtet er mit Abscheu das blutige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbietet, ohne sich zu erinnern, dass er es selber angerichtet hat. Auch hier ist es offenbar wieder das „Unbewusste“, das den Unseligen geleitet hat.

Vergleichen wir nun das Bewusste mit dem Unbewussten, so finden wir, dass das Bewusste oft ein ganz schlechtes, unzuverlässiges Gedächtnis hat, hingegen das Unbewusste mit wunderbarem, untrüglichem Gedächtnis ohne unser Wissen die geringfügigsten Ereignisse und Tatsachen unseres Lebens genau registriert. Andererseits ist es leichtgläubig und nimmt alles ohne langes Überlegen hin, was man ihm sagt. Da aber gerade das Unbewusste über das Gehirn die Funktionen aller unserer Organe entscheidend beeinflusst, ergibt sich eine Tatsache, die zunächst völlig paradox anmutet: Unser Unbewusstes braucht sich nur vorzustellen, dieses oder jenes Organ arbeite gut oder schlecht oder wir hätten diese oder jene Empfindung, so arbeitet dieses Organ wirklich gut oder schlecht, und wir haben diese Empfindung wirklich.

Das, was wir Einbildungs- oder Vorstellungskraft nennen, bestimmt – wie ich im Gegensatz zur herkömmlichen Auffassung behaupte – alle unsere Handlungen, sogar ja vor allem solche gegen unseren Willen, wenn diese beiden Kräfte (Vorstellung und Wille) miteinander konkurrieren.

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Er wird dann zugeben müssen, dass das, was ich sagte, keine aus der Luft gegriffene Theorie ist, keine Ausgeburt eines kranken Hirns, sondern der schlichte Ausdruck dessen, was ist.

Nehmen wir einmal an, wir legen ein 10 m langes und 25 cm breites Brett auf den Boden. Selbstverständlich wird jedermann von einem Ende zum andern gehen können, ohne daneben zu treten.

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Keine zwei Schritte könnten Sie tun, ohne dass Sie ein Zittern befallen würde: trotz der stärksten Anspannung der Willenskraft würden Sie unfehlbar abstürzen.

*

Wenn sich der Betreffende nicht zum Schlafe zwingen will, wird er ruhig im Bette liegen. Je mehr er sich hingegen bemüht, in Schlaf zu sinken, desto wacher, ja aufgeregter wird er werden.

Es ist eine allgemein bekannte Beobachtung, dass irgendein Personenname, den man vergessen zu haben meint, einem um so hartnäckiger entschlüpft, je mehr man sich darüber den Kopf zerbricht; sobald man aber den Gedanken: „Ich habe den Namen vergessen“ durch die Behauptung ersetzt: „Er wird mir schon wieder einfallen“, stellt sich gewiss der Augenblick ein, wo der Name ganz von selber, ohne die mindeste Anstrengung, einfach wieder da ist.

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Was geht nur eigentlich bei all diesen Fällen in uns vor?

*

Nach dem Gesagten können wir die Vorstellungskraft einem Wildbach vergleichen, der den Unglücklichen, der sich hineinfallen lässt, unaufhaltsam mitreißt, trotzt seinem Willen, das rettende Ufer zu erreichen.

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Gelingt es dem Reiter aber, diesem Pferd die Zügel anzulegen, so wechseln die Rollen sofort.

*

Dazu ist nur zweierlei nötig: erstens muss man wissen (und das wissen die wenigsten), dass so etwas möglich ist, zweitens muss man das Mittel kennen, mit dem man es zuwege bringt.

*

Während man nun gewöhnlich unbewusste Autosuggestion übt, braucht man nur einfach bewusste Autosuggestion zu treiben. Dabei verfährt man in folgender Weise: Zunächst erwägt man sorgfältig, ob irgendeine Sache Gegenstand der vorzunehmenden Autosuggestion werden soll oder nicht; je nachdem, wie diese vernunftgemäße Überlegung ausfällt, wiederholt man bei sich mehrere Male, ohne an anderes zu denken; „Dies oder jenes wird eintreten oder geschehen; das und das wird sein oder wird nicht sein“ usw. Hat das Unbewusste eine solche Suggestion angenommen, das heißt in eine Autosuggestion umgewandelt, so wird sich das suggestiv Vorgestellte Punkt für Punkt verwirklichen. In dieser Auslegung fällt die Autosuggestion einfach mit dem zusammen, was ich unter Hypnotismus verstehe; ich definiere diesen mit den schlichten Worten: Einwirkung der Vorstellungskraft auf das Seelische und auf das Körperliche im Menschen.

*

Aber auf die Gefahr hin, verrückt zu erscheinen, behaupte ich: zahlreiche Menschen sind nur darum seelisch oder körperlich krank, weil sie sich vorstellen, seelisch oder körperlich krank zu sein; manche Personen sind unfähig, sich zu bewegen, ohne dass irgendeine körperliche Lähmungsursache bei ihnen nachweisbar wäre, nur weil sie sich vorstellen, gelähmt zu sein. Gerade bei solchen Kranken erlebt man die schnellsten, überraschendsten Heilerfolge.

Andere wieder sind glücklich oder unglücklich, weil sie sich eben vorstellen, glücklich oder unglücklich zu sein; denn von zwei beliebigen Menschen vermag unter sonst völlig gleichen Verhältnissen der eine sich wunschlos glücklich, der andere todunglücklich zu fühlen.

Neurasthenie, Stottern, Angstzustände, Kleptomanie, gewisse Fälle von Lähmung usw. sind nichts anderes als durch das Unbewusste bewirkte Erscheinungen seelischer oder körperlicher Natur.

Wenn aber das Unbewusste uns auch zur Quelle vieler Leiden wird, so kann es anderseits die Heilung körperlicher oder seelischer Leiden bewirken. Es vermag nicht nur das von ihm selber angerichtete Unheil wieder gutzumachen, sondern auch wirkliche Erkrankungen zu heilen; so weit reicht seine Macht über unseren Organismus.

Man ziehe sich in ein Zimmer zurück, in dem man vor Störung sicher ist, setze sich in einen Lehnstuhl, schließe die Augen, um durch nichts abgelenkt zu werden, und denke dann eine kleine Weile nur: „Dies oder das schwindet, dies oder jenes tritt in Erscheinung.

“Wenn es dabei nun wirklich zu einer Autosuggestion kommt, das heißt, wenn das Unbewusste die dargebotene Vorstellung sich zu Eigen gemacht hat, so wird sich das Gedachte in der erstaunlichsten Art und Weise verwirklichen. (Es ist eine wesentliche Eigenschaft der auf dem Wege der Autosuggestion beigebrachten Gedanken, dass sie jenseits unseres Bewusstseins in uns leben und dass sie uns dieses ihr Dasein eben nur durch die Wirkungen kundgeben, die sie hervorbringen.) Eine Vorschrift aber ist von ungeheurer, entscheidender Bedeutung: die Ausübung der Autosuggestion muss ohne jede Einmischung des Willens erfolgen. Denn wenn der Wille mit der Vorstellung in Widerstreit gerät, wenn man etwa denkt: „Ich will, dass dieses oder jenes eintrete“, so braucht nur die Vorstellungskraft einzuwenden: „Du willst es wohl, aber es wird doch nicht geschehen“, und man wird nicht nur das Erstrebte nicht erlangen, sondern es tritt sein genaues Gegenteil ein.

Diese Beobachtung ist von grundlegender Wichtigkeit. Durch sie wird die Tatsache verständlich, warum man bei der ärztlichen Behandlung seelischer Krankheiten mit allen Versuchen, den Willen der Patienten neu zu erziehen, so klägliche Erfolge erzielt. Man muss sich vielmehr auf die Erziehung ihrer Vorstellungskraft verlegen. Dieser Besonderheit meines Verfahrens ist es zuzuschreiben dass ihm auch in solchen Fällen Erfolg beschieden war, in denen andere Methoden – und nicht die schlechtesten – versagt hatten.

Auf Grund meiner Erfahrungen an zahlreichen Fällen, wie ich sie seit zwanzig Jahren täglich erlebe und aufs sorgfältigste beobachte, bin ich zu den nachstehenden Schlussfolgerungen gelangt, die ich in vier Gesetzen zusammengefasst habe:

1.     Im Widerstreit zwischen Willen und Vorstellungskraft siegt letztere ausnahmslos.
2.     Im Konflikt zwischen Wille und Vorstellung beträgt die Vorstellungskraft so viel wie das Quadrat der Willenskraft.
3.     Sind Wille und Vorstellungskraft gleichgerichtet, so addieren sie sich nicht, vielmehr ist die Endkraft das Ergebnis einer Multiplikation beider Energien.
4.     Die Vorstellungskraft ist lenkbar.

Aus dem Gesagten könnte man schließen, dass eigentlich kein Mensch krank sein dürfte. Diese Folgerung ist ganz richtig. Fast ausnahmslos kann jede Krankheit unter der Einwirkung der Autosuggestion zum Schwinden gebracht werden; diese Behauptung klingt freilich sehr kühn und wenig glaubwürdig. Aber ich sage auch nicht: jede Krankheit schwindet in jedem Falle, sondern nur: sie kann schwinden. Das ist ein Unterschied.

Doch damit die Menschen dahin gelangen, bewusste Autosuggestion anzuwenden, muss man sie darin unterweisen, wie man sie z. B. lesen und schreiben lehrt oder sie in der Musik unterrichtet.

Die Autosuggestion ist also, wie gesagt, eine Naturkraft, die uns angeboren ist; unser Leben lang spielen wir mit ihr, ohne es zu wissen, wie ein Säugling mit seinem Spielzeug. Aber es ist ein gefährliches Spielzeug, das bei unvorsichtiger, unbewusster Handhabung verwunden und sogar töten kann. Hingegen kann es bei bewusstem Gebrauch ein Rettungswerkzeug werden.

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Man kann zur selben Zeit immer nur an eine Sache denken, d. h. zwei Gedanken können in unserem Geist wohl dicht aufeinander folgen, sich darin aber nicht im selben Augenblick wirklich durchdringen.

Jeder Gedanke, der unseren Geist ausschließlich beherrscht, wird für uns zur Wahrheit und drängt darauf, Wirklichkeit zu werden. Gelingt es also, einen Kranken den Gedanken fassen zu lassen, sein Leiden sei im Schwinden, so wird es wirklich schwinden; wenn man einem Kleptomanen die Vorstellung einflößt, er werde nicht mehr stehlen, so wird er nicht mehr stehlen usw.

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Was immer dem Betreffenden fehlen mag, ob sein Leiden nun körperlich oder seelisch sei, immer soll man in gleicher Weise vorgehen und (mit kleinen Abänderungen je nach den Fällen) folgende Worte sprechen:

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Ich werde nicht versuchen, Sie einzuschläfern; das wäre überflüssig. Sie sollen die Augen nur schließen, damit Ihre Aufmerksamkeit nicht durch Gegenstände, die Sie erblicken, abgelenkt werde. Sagen Sie sich jetzt nur, alle Worte, die ich aussprechen werde, müssen sich in Ihrem Gehirn festsetzen, sich ihm einprägen, sich dort eingraben, felsenfest darin haften und müssen auch für immer darin bestehen, ihm eingeprägt und eingegraben bleiben, so dass Sie es wollen, ohne dass Sie es wissen, vollständig unbeschwert, Sie und Ihr Organismus ihnen gehorchen müssen.

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Wenn eines von ihnen gegenwärtig nicht ganz normal funktioniert, so wird die Abweichung vom Normalen jeden Tag etwas rückgebildet, bis sie in naher Zeit ganz geschwunden sein wird, so dass das Organ wieder normal funktioniert.

Wenn Sie bisher sich selbst gegenüber ein gewisses Misstrauen empfunden haben, so versichere ich Ihnen, dass dieses Misstrauen nach und nach verschwinden wird; es wird in sein Gegenteil umschlagen; an seine Stelle wird Selbstvertrauen treten, ein auf jene uns allen innewohnende Kraft gegründetes Selbstvertrauen, deren Grenzen heute noch gar nicht abzustecken sind. Dieses Selbstvertrauen ist eine Lebensbedingung für jedes menschliche Wesen.

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Diese allgemeinen Suggestionen, die manchem etwas langatmig, ja kindisch vorkommen werden, aber doch notwendig sind, muss man durch spezielle ergänzen, die sich auf den Fall des Behandelten beziehen, mit dem man sich gerade beschäftigt.

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Geht man in der von mir angeratenen Weise vor, so wird man niemals Misserfolgen ausgesetzt sein, außer bei den bereits erwähnten zwei Kategorien; glücklicherweise machen diese aber kaum drei Prozent aller Menschen aus.

Wenn man von meinem Verfahren schon darin abweicht, dass man gleich zu Beginn auf den Patienten einzuwirken sucht, ohne irgendwelche Erklärungen vorausgehen zu lassen, so wird und kann man nur bei äußerst empfindsamen Personen, deren es aber nur wenige gibt, eine Wirkung erzielen.

Früher war ich der Meinung, die Suggestion könne nur bei in Schlaf Versenkten zu voller Wirkung gelangen, und dementsprechend suchte ich meine Patienten auch einzuschläfern; aber als ich festgestellt hatte, dies sei nicht unumgänglich nötig, gab ich dieses Verfahren auf, um dem zu Behandelnden die Angst und Aufregung zu ersparen, die ihn fast regelmäßig befällt, sobald er erfährt, man werde ihn in Schlaf versenken. Auf solche Anwandlung von Furcht ist es dann zurückzuführen, wenn er allen Versuchen, ihn einzuschläfern, oft unwillkürlich Widerstand entgegensetzt. Versichert man ihm aber, man wolle ihn durchaus nicht einschläfern, es sei das ganz unnötig, so gewinnt man sein Vertrauen; er hört uns furchtlos, ohne jeden Hintergedanken an, und sehr oft kommt es vor, dass er, wenn schon nicht beim ersten Male, so doch nach wenigen Sitzungen, sich vom monotonen Klange unserer Stimme einlullen lässt und in tiefen Schlaf verfällt; beim Erwachen ist er dann höchst erstaunt, dass er doch geschlafen hat.

Immerhin muss man nicht meinen, es könnte die Anwendung von Suggestion und ein Bewirken von Autosuggestion ausschließlich in der eben geschilderten Weise erfolgen. Die Suggestion kann auch ohne jede Vorbereitung ausgeübt werden und ohne dass der Patient überhaupt darum weiß. Nehmen wir den Fall, dass ein Arzt, der doch schon aufgrund seines Titels den Kranken suggestiv beeinflusst, diesem mitteilt, er könne ihm leider nicht helfen, seine Krankheit sei eben unheilbar, so wird ein solcher Arzt bei jenem Kranken möglicherweise höchst verhängnisvolle Autosuggestion hervorrufen. Sagt der Arzt hingegen dem Kranken, sein Zustand sei zwar ernst, aber durch sorgsame Pflege werde er im Laufe der Zeit wiederhergestellt werden, er müsse nur recht geduldig sein, so wird er allein schon mit dieser Formulierung der Diagnose manchmal, ja recht häufig, überraschende Heilerfolge erzielen.

Ein weiteres Beispiel: Wenn ein Arzt nach der Untersuchung dem Kranken sein Rezept ohne begleitende Anweisung übergibt, werden die verordneten Medikamente kaum viel nützen; erklärt er aber dem Patienten, unter welchen besonderen Umständen die einzelne Medizin zu nehmen sei und welche Wirkungen er von ihnen erwarte, so werden die vorausgesagten Wirkungen fast todsicher eintreten.

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Einerseits spreche ich den Wunsch aus, man möge in den Studienplan der medizinischen Fakultät doch auch die Theorie und Praxis der Suggestion mit aufnehmen, zum Heilen der Kranken wie der Ärzte selber. Andererseits möchte ich es als Grundsatz hinstellen, der Arzt möge jedem Kranken, der sich an ihn wendet, ein oder mehrere Medikamente verschreiben, auch wenn solche an sich nicht nötig wären. Wenn nämlich ein Kranker zum Doktor geht, erwartet er, die Medizin zu bekommen, die ihn heilen wird. Er weiß nicht, dass die heilende Wirkung in der Regel durch Hygiene und Diät erzielt wird; dergleichen erscheint ihm nebensächlich. Er schwört nur auf Medizin.

Meiner Ansicht nach wird der Kranke unzufrieden sein, wenn ihm der Arzt nur irgendeine Diät ohne Medizin verschreibt; der Patient meint, deswegen hätte er keinen Arzt aufsuchen brauchen, wenn er nun nicht einmal etwas einzunehmen bekomme, und oft läuft er dann zu einem anderen Doktor. Darum halte ich es für angezeigt, dass der Arzt immer etwas verschreibt, aber womöglich nicht eine jener Spezialitäten, wie sie überall angepriesen werden und deren ganzer Wert oft nur in dem auf solche Reklame gegründeten Zutrauen des Publikums liegt, sondern individuelle Rezepte, zu denen der Kranke noch mehr Vertrauen hat als zu den mit klangvollen Namen belegten Pillen und Pulvern, die er sich ohne weiteres in jeder Apotheke verschaffen kann.

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Um die Bedeutung der Suggestion oder vielmehr der Autosuggestion recht erfassen zu können, braucht man sich nur über eines klar zu sein: das Unbewusste regelt die gesamten Funktionen unseres Organismus. Sobald wir ihm in der oben geschilderten Weise beibringen, ein Organ, das anomal arbeitet, müsse normal funktionieren, so wird es dem betreffenden Organ einen entsprechenden Befehl augenblicklich übermitteln. Das Organ zeigt sich durchaus fügsam und arbeitet, wenn nicht sofort, so doch nach und nach wieder, wie es soll.

Von daher lässt sich ebenso einfach als einleuchtend erklären, wieso man auf suggestivem Wege Blutungen stillen, Verstopfungen überwinden, Geschwülste zum Schwinden bringen, Lähmungserscheinungen, tuberkulöse Veränderungen, offene Krampfadern usw. heilen kann.

Ich wähle als Beispiel einen Fall von Zahnblutung, den ich bei Zahnarzt Gauthé in Troyes beobachtet habe. Ein junges Mädchen, das mit meiner Hilfe von seinem seit acht Jahre andauernden Asthma geheilt worden war, erzählte mir eines Tages, es wolle sich einen Zahn ziehen lassen. Da ich das Mädchen als sehr wehleidig kannte, schlug ich ihm vor, dieses Zahnziehen völlig schmerzlos verlaufen zu lassen. Natürlich ging es freudig darauf ein, und wir verabredeten, gemeinsam zum Zahnarzt zu gehen. Am bestimmten Tage stellten wir uns dort ein, ich trete vor das Mädchen hin, sehe es starr an und sage dabei: „Sie spüren nichts, Sie spüren nichts, Sie spüren nichts“ usw., und inzwischen gebe ich dem Zahnarzt ein Zeichen, ohne im Suggerieren innezuhalten. Gleich darauf ist der Zahn draußen, ohne dass Fräulein D. auch nur mit der Wimper gezuckt hätte. Wie das öfter vorkommt, tritt eine Blutung ein. Anstatt nun irgendein blutstillendes Mittel anzuwenden, sage ich dem Zahnarzt, ich würde es auf suggestivem Wege versuchen; dabei wusste ich selber nicht, was eintreten würde.

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Ich hatte die Freude, zur Heilung zahlreicher Neurastheniker beitragen zu können, bei denen jede andere Behandlung versagt hatte. Einer dieser Kranken hatte sogar einen vollen Monat in einer luxemburgischen Nervenheilanstalt zugebracht, ohne dass eine Besserung eingetreten wäre.

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Der neue Stift dringt zum Beispiel 1 mm ein, während der alte um 1 mm hinausgedrängt wird; nach einer gewissen Anzahl von Hammerschlägen ist er ganz draußen und durch den neuen ersetzt.

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Ich bin fest überzeugt, dass man bei täglicher Suggestion mehr als 50 Prozent missratener Kinder auf den rechten Weg zurückbrächte.

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So wuchs mit jedem Tag sein Selbstvertrauen. Da er ein vorzüglicher Arbeiter war, suchte er zu erreichen, dass ihm ein Fabrikant einen Webstuhl überließ, damit er als Heimarbeiter für ihn arbeiten könne. Durch seine Geschicklichkeit wusste Herr G. den Arbeitsertrag der Maschine weit über das gewöhnliche Maß zu steigern. Daraufhin vertraute ihm der hoch zufriedene Industrielle weitere Maschinen an, so dass Herr G., der ohne seine Zuflucht zur Suggestion einfacher Arbeiter geblieben wäre, nun sechs Webstühle beaufsichtigt, die ihm ein schönes Einkommen bringen.

Frau D. aus Troyes, dreißig Jahre alt, Lungentuberkulose. Trotz Überernährung täglich zunehmende Abmagerung, Husten, Beklemmungen, Auswurf. Ihr Leben scheint nur noch nach Monaten zu zählen. Bei den Vorversuchen wird große Empfänglichkeit festgestellt. Suggestion, sofortige Besserung. Schon am nächsten Tage einsetzender Rückgang der Krankheitserscheinungen. Die Besserung wird jeden Tag merklicher, das Körpergewicht der Kranken nimmt rasch zu, obwohl sie nicht mehr isst als normal. Nach ein paar Monaten scheint völlige Heilung eingetreten zu sein. Am 1. Januar 1922, acht Monate nachdem ich Troyes verlassen hatte, schrieb mir diese Dame einen Dankbrief. Sie teilte mir mit, dass es ihr ausgezeichnet gehe und dass sie ein Kind erwarte.

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Ich habe absichtlich zunächst weit zurückliegende Fälle herausgegriffen, um zu zeigen, dass die Heilung nachhaltig ist; jetzt möchte ich noch über ein paar Fälle jüngeren Datums berichten.

Herr X., Postbeamter aus Lunéville, hatte im Januar 1910 den Verlust eines Kindes zu beklagen. In der Folge stellt sich eine Nervenkrise ein, die sich in einem unwillkürlichen Zittern äußert, das nicht zu unterdrücken ist. Sein Onkel bringt ihn im Juni jenes Jahres zu mir. Vorversuche, dann Suggestion. Vier Tage darauf kommt der Patient wieder zu mir und erklärt, sein Zittern sei verschwunden. In acht Tagen soll er wiederkommen. Aber es vergehen acht, es vergehen vierzehn Tage, drei Wochen, endlich ein voller Monat, und der Patient lässt nichts von sich hören.

Dann sucht mich aber sein Onkel auf und meldet mir, er habe einen Brief von seinem Neffen erhalten. Es gehe ihm vorzüglich. Er werden nun wieder als Telegraphist verwendet (während seiner Krankheit hatte man ihm eine leichtere Beschäftigung zuweisen müssen), und er habe gerade gestern ohne die geringste Schwierigkeit eine Depesche von 170 Worten abgefertigt. Kein Rückfall.

Herr Y. aus Nancy, seit mehreren Jahren hochgradig nervös, ist von Angstvorstellungen gequält; Magen und Darm arbeiten schlecht, er leidet an Schlaflosigkeit, seine Stimmung ist verdüstert, er fühlt sich zum Selbstmord gedrängt, beim Gehen schwankt er wie ein Trunkener; ständig denkt er an sein Leiden. Alle Heilverfahren erweisen sich als unwirksam, und sein Zustand wird immer bedenklicher; ein vierwöchiger Aufenthalt in einer Heilanstalt bringt keinerlei Besserung. Anfang Oktober 1910 wendet er sich an mich. Die Vorübungen gehen verhältnismäßig leicht vonstatten. Er hat keinen Rückfall; es ist auch ganz ausgeschlossen, dass ein solcher eintritt, da Herr Y. überzeugt ist, er werde nie mehr in seinen früheren traurigen Zustand zurücksinken.

Herr E. aus Troyes. Gichtanfälle. Der rechte Fußknöchel zeigt eine schmerzhafte Schwellung, das Gehen ist unmöglich. Nervenschwäche, Verdauungsstörungen, Magenkrämpfe, Darmkatarrh, Schmerzen in verschiedenen Teilen des Körpers. Unverzügliche, ununterbrochen fortschreitende Besserung.

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Herr X., Professor in Belfort, kann höchstens zehn bis fünfzehn Minuten sprechen, ohne ständig stimmlos zu werden. Eine Dame rät ihm, sich doch an mich zu wenden; zuerst will er nichts davon hören, dann tut er es dennoch, trotzdem er nicht im Geringsten an eine Wirkung der Suggestion glaubt.

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Ehe ich schließe, erlaube man mir noch eine Bemerkung über die Art und Weise, wie Eltern diese Methode bei der Erziehung und Heranbildung ihrer Kinder anwenden können.

Man warte ab, bis das Kind eingeschlafen ist. Vater oder Mutter tritt vorsichtig in das Kinderzimmer, bleibt einen Meter vom Bette entfernt stehen und sagt murmelnd fünfzehn- bis zwanzig mal langsam alles, was man von ihm wünscht, sowohl bezüglich Schlaf und Gesundheit als auch in Bezug auf Lernen, Fleiß, Betragen usw. Dann zieht man sich ebenso geräuschlos zurück, damit man das Kind ja nicht aufweckt.

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Als er nach zwei Tagen wiederkam, hatte die Besserung weitere Fortschritte gemacht. Und das zeigte sich nach jeder Sitzung. Es ging mit solchen Riesenschritten vorwärts, dass mein kleiner Patient drei Wochen nach der ersten Sitzung mit seiner Mutter zu Fuß auf die Anhöhe von Villers spazierte (3 km).

Er war vollständig hergestellt. Damals war er Briefträger, nachdem er vorher als Krankenwärter in einem Spital in Nancy bis zu dessen Schließung verwendet worden war.

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Heute ist der Fuß fast normal. Schmerzen und Schwellung sind zwar gänzlich geschwunden, aber sie kann den Fuß nicht recht zurück biegen, so dass sie leicht hinkt.

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Seit zehn Jahren Gebärmutterentzündung. Kommt Ende Juli 1916. Eine Besserung tritt sofort ein. Ausfluss und Schmerzen lassen rasch nach. Am 29. September weder Schmerzen noch Ausfluss. Das monatliche Unwohlsein dauert nun nicht mehr, wie bisher, acht bis zehn, sondern nur noch vier Tage.

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Leidet seit September 1914 an einer offenen Krampfader, die sie ohne jeden Erfolg nach den Weisungen ihres Arztes behandelt. Der Unterschenkel ist unförmig angeschwollen (die Wunde, von der Größe eines Zweifrankenstückes, befindet sich oberhalb des Knöchels und geht bis auf den Knochen); heftige Entzündung, reichliche Eiterung, außerordentlich starke Schmerzen.

Die Patientin kommt im April 1916. Schon nach der ersten Sitzung geht es ihr besser, und diese Besserung macht ununterbrochene Fortschritte. Am 18. Februar 1917 ist das Bein überhaupt nicht mehr geschwollen, der Schmerz und das Jucken sind verschwunden. Die Wunde ist noch da, hat aber kaum noch Erbsengröße und ist nur 2-3 mm tief; sie eitert noch leicht. Im Jahre 1920 ist die Patientin längst genesen.

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Die anfänglich selten auftretenden Krisen werden immer häufiger. In den vierzehn Tagen, bevor sie zuerst bei mir erschien (am 1. April 1917), hatte sie nicht weniger als drei Krisen gehabt. Als ich am 18. April das Mädchen zum letzten Mal bei mir sah, war bis dahin kein Rückfall eingetreten. Es verschwanden gleichzeitig auch die Kopfschmerzen, unter denen die Patientin bis dahin gelitten hatte. Kommt Ende 1915 wegen heftiger Kopfschmerzen, unter denen sie ihr Leben lang zu leiden gehabt hatte. Nach einigen Sitzungen ist sie von den Kopfschmerzen völlig befreit.

Nach zwei Monaten stellt sie die Heilung einer Gebärmuttersenkung fest, von der sie mir gar nichts gesagt hatte und welche ihr, während sie sich mit Autosuggestion behandelt hatte, gar nicht in den Sinn gekommen war. (Dieser Erfolg ist den Worten „in jeder Hinsicht“ zuzuschreiben, die in der früh und abends anzuwendenden Formel enthalten sind.)

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Es wohnt uns eine unermessliche große Kraft inne, die, wenn wir sie unbewusst wirken lassen, uns oft höchst verderblich werden kann. Sobald wir sie aber bewusst und klug anwenden, verleiht sie uns die Herrschaft über uns selbst, trägt nicht nur dazu bei, uns oder andere von körperlichen oder seelischen Krankheiten zu befreien, sondern verhilft uns auch zu einem verhältnismäßig glücklichen Leben, wie immer dessen äußere Umstände beschaffen sein mögen.

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Es mag zunächst paradox erscheinen: aber die Erziehung eines Kindes soll vor seiner Geburt einsetzen. Wenn nämlich eine Frau, die vor ein paar Wochen empfangen hat, in ihrem Geiste eine Vorstellung vom Charakter hegt, das dieses Kind haben soll, von den leiblichen und seelischen Eigenschaften, die sie an ihm sehen möchte, wenn sie nun während der ganzen Schwangerschaft nicht aufhört immer das gleiche Bild zu hegen, so wird das Kind wahrscheinlich den gewünschten Charakter und die ersehnten Eigenschaften haben.

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Ein so in die Welt gesetztes Kind wird also leicht die guten Suggestionen annehmen, die man ihm gegenüber ausüben wird, und wird sie in Autosuggestionen umsetzen, die später seinen Lebensgang bestimmen. Denn man muss sich wohl vor Augen halten, dass alle unsere Worte, alle unsere Handlungen nur das Ergebnis von Autosuggestionen sind, die meist durch die Suggestion des Beispieles oder des Wortes ausgelöst werden.

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Sobald die Kinder sprechen können, lasse man sie des Morgens und des Abends zwanzigmal den Satz wiederholen: „Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser“, was bei ihnen einen vortrefflichen körperlichen und seelischen Gesundheitszustand hervorrufen wird.

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Dieses höchst einfache Verfahren führt zu den besten Erfolgen; es ist auch leicht einzusehen, weshalb. Während das Kind schläft, ruhen Körper und Bewusstsein, sie sind gleichsam ausgeschaltet; doch sein Unbewusstes wacht; man hat es also mit diesem allein zu tun und, da es sehr leichtgläubig ist, nimmt es ohne Widerspruch an, was man ihm sagt, und so kommt das Kind nach und nach dahin, aus eigenem Antriebe zu tun, was die Eltern wünschen.

*

Wenn dieser Vergleich Ihnen noch nicht genügt, so denken wir uns die Vorstellungskraft (die „Verrückte im Oberstübchen“, wie die Franzosen sie manchmal nennen) als wildes Ross ohne Zaum und Zügel. Was bleibt dem Reiter anderes übrig, als sie forttragen zu lassen, wohin es dem Pferde beliebt. Und wenn das Pferd durchgeht, endet der Ritt leicht im Graben. Gelingt es dem Reiter aber, diesem Pferd die Zügel anzulegen, so wechseln die Rollen sofort. Jetzt bestimmt nicht mehr das Pferd wohin es will, sondern der Reiter lenkt es auf den Weg, den er einzuschlagen wünscht.

Nachdem wir uns nun die ungeheure Macht des Unbewussten oder der Vorstellungskraft vor Augen gestellt haben, will ich zeigen, dass dieses scheinbar unzähmbare Wesen sich ebenso leicht bändigen lässt wie ein Bergbach oder ein wildes Pferd.

Der Mensch lässt sich mit einem Gefäß vergleichen, das an seinem obern Teile einen Hahn hat, mittels dessen es gefüllt werden kann, während sich an seinem unteren Teil ein größerer Hahn befindet, der, je nachdem ob er geschlossen oder offen ist, das Gefäß voll erhält oder entleert.Was geschieht, wenn die beiden Hähne gleichzeitig offen sind? Natürlich ist dann das Gefäß immer leer. Was geht hingegen vor, wenn der untere Hahn geschlossen bleibt? Der Behälter füllt sich nach und nach, schließlich lässt er ebenso viel Flüssigkeit überströmen, wie er empfängt.

So halte denn jedermann den unteren Hahn geschlossen und vergeude seine Kräfte nicht; man mache nur eine Bewegung, wenn diese eine genügt, und nicht statt deren zwanzig oder vierzig, wie es nur zu oft geschieht; man handle nie überstürzt und betrachte die zu erfüllende Aufgabe, sobald sie möglich ist, als leicht; wenn wir so verfahren, wird unser Kraftreservoir immer gefüllt sein und das, was überfließt, wird unseren Anforderungen reichlich genügen, wenn wir wirtschaftlich damit umzugehen verstehen.

 

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