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Das Kultbuch, das Generationen überdauert!



der prophet

Der Prophet

von Khalil Gibran

Kurzbeschreibung:
Der Prophet al-Mustafa erwartet das Schiff, das ihn in seine Heimat zurückbringen soll. Bevor er sie verlässt, bitten ihn die Einwohner von Orfalîs, ein letztes Mal zu ihnen zu sprechen: von Liebe, Schmerz, Schönheit, Freude und allem anderen, was die Menschen bewegt. Die Antworten des Propheten sind voller Lebensweisheit und mystischer Tiefe und zählen zum Faszinierendsten, was die spirituelle Literatur hervorgebracht hat.

 

Über den Autor:
Khalil Gibran (1883-1931) ist der in der westlichen Welt bekannteste Dichter des Orients. Er war ein Wanderer zwischen den Welten: seiner libanesischen Heimat, Europa und zuletzt Amerika. Das Vermächtnis, das der Poet in seinen Gleichnissen und Erzählungen hinterlassen hat, ist heute aktueller denn je. Mit seinem Buch "Der Prophet", das millionenfach verkauft und in mehr als zwanzig Sprachen übertragen wurde, erlangte er Weltruhm und Kultstatus. 1923 erschienen, erlebte "Der Prophet" einen beispiellosen Triumphzug.


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Hier einige Schlagwörter, zu denen Sie im Buch mehr erfahren:

Herz, Liebe, Sonne, Leben, Geist, Tiefe, Gott, Stille, Wahrheit, Winde, Seele.

 

Leseprobe des Buches:

Der auserwählte und geliebte Almustafa, der seinerzeit eine Morgenröte war, hatte zwölf Jahre lang in der Stadt Orphalese auf die Ankunft seines Schiffes gewartet, das ihn auf die Insel zurückbringen sollte, auf der er einst das Licht der Welt erblickte.

Im zwölften Jahr bestieg er am siebten Tag des Erntemonats Ailul einen Hügel außerhalb der Stadtmauern und blickte hinaus aufs Meer. Da sah er, dass sich fern am Horizont sein Schiff aus dem Nebel löste.

Sein Herz öffnete sich weit und er ließ seiner Freude freien Lauf. Dann schloss er seine Augen und kehrte in der Stille seiner Seele in sich.

Als er den Hügel hinabstieg, überkam ihn Trauer, und er dachte bei sich:

Wie könnte ich diesen Ort in Frieden und ohne Bedauern verlassen? Nein, ganz ohne blutendes Herz werde ich dieser Stadt nicht den Rücken kehren können.

Lang waren die leidvollen Tage, die ich in ihren Mauern zubrachte, und lang waren meine einsamen Nächte; und wer kann sein Leid und seine Einsamkeit einfach so hinter sich lassen?

Zuviel von meiner Seele habe ich auf diesen Wegen gelassen, die wie tausend zersplitterter Bilder meines Gedächtnisses meine Erwartungen preisgaben. Zu zahlreich sind die Kinder meiner Sehnsucht, die nackt zwischen diesen Hügeln umherirren, als dass ich mich ohne Schmerz von ihnen abwenden könnte.

Es ist keine Krone, die ich einfach ablegen könnte, sondern eine Haut, die ich mir eigenhändig vom Leibe reißen müsste.

Es sind nicht nur Erinnerungen, die ich hier zurücklasse, sondern ein Herz, das durch Hunger und Durst sanft geworden ist.

Doch kann ich nicht länger verweilen.

Es ruft das Meer, das alles an sich zieht, und ich muss seinem Ruf folgen. Denn zu verweilen, obgleich die brennenden Nachtstunden nach mir verlangen, hieße zu gefrieren und fest in einer Form zu erstarren.

Gern nähme ich alles mit, was es hier gibt. Doch wie sollte mir dies gelingen?

Auch eine Stimme kann Zunge und Lippen nicht mit sich forttragen, die sie formten und beflügelten. Allein muss sie sich in den Äther hinaufschwingen.

Ebenso allein und ohne Nest, wie der Adler gen Sonne schwebt.

Als er den Hügel hinabgestiegen war, wandte er sich erneut dem Meer zu. Er sah sein Schiff in den Hafen einlaufen, und an Bord erkannte er die Seeleute, Männer seines Landes.

Da rief er ihnen aus tiefster Kehle zu:

Söhne meiner ehrwürdigen Mutter, wie oft habt ihr in meinen Träumen die Segel gehisst! Und nun erreicht ihr mich zur Stunde meiner Wandlung, in der ich so tief in meinen Träumen bin wie niemals zuvor!

Ich bin bereit aufzubrechen, und mit gesetzten Segeln warte ich nur noch auf den Wind.

Dann werde ich bei euch sein, als Seefahrer unter Seefahrern.

*

Und ich werde dir gehören, so wie ein Tropfen, der sich im grenzenlosen Meer verliert.

Als er weiterschritt, erblickte er in der Ferne zahlreiche Männer und Frauen, die ihre Felder und Weinberge verließen und zu den Stadttoren eilten. Er hörte sie seinen Namen rufen, und die Kunde von der Ankunft des Schiffes verbreitete sich von Feld zu Feld.

*

Als er schließlich die Stadt betrat, lief ihm das Volk bereits entgegen, und einstimmig riefen sie ihm zu.

Du hast Sonne in unsere Dämmerung gebracht und deine Jugend ließ uns träumen.

Nun aber wollen wir dir unsere Liebe unverhohlen zeigen.

*

Sie wandte sich an ihn und sprach: Prophet Gottes, auf der Suche nach dem Allerhöchsten, lange hast du den Horizont nach deinem Schiff abgesucht.

Wie stark muss deine Sehnsucht nach dem Land deiner Erinnerungen und der Heimat deiner erhabensten Wünsche sein. Unsere Liebe, mag sie auch noch so groß sein, soll dich nicht fesseln und unsere Not darf dich nicht zurückhalten.

In deiner tiefen Einsamkeit wachtest du über unsere Tage, und in deinem Wachen hörtest du uns in unseren Träumen lachen und weinen.

*

Dann schlaft Ihr mit einem Gebet für den geliebten Menschen im Herzen und auf den Lippen einen Lobgesang ein.

*

Und ein reicher Mann bat: Erzähle uns über das Geben!

Und er erwiderte:

Wenig gebt ihr, wenn ihr von eurem Besitz gebt.

Erst wenn ihr von euch selbst gebt, gebt ihr wirklich und ehrlich.

Was ist euer Besitz anderes als Hab und Gut, das ihr hortet und bewacht aus Sorge, ihr könntet es morgen benötigen?

Und was bringt der nächste Tag dem übervorsichtigen Hunde, der seine Knochen ohne jegliche Spur im Sande verscharrt, wenn er den Pilgern zur Heiligen Stadt folgt?

Ist nicht die Angst vor der Not selbst eine Not?

Ist nicht die Angst vor dem Durst, den man bei gefüllten Brunnen spürt, eben jener Durst, den man nicht zu löschen vermag?

Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie besitzen, nur wenig geben - und sie geben um der Anerkennung Willen, und dieser verborgene Wunsch verdirbt ihre Gaben schließlich.

Und es gibt Menschen, die wenig besitzen und alles geben.

Das sind die Menschen, die an das Leben und die Großzügigkeit des Lebens glauben und deren Beutel nie leer wird.

Sie geben wie die Myrte im Tal, die großzügig ihren Duft verströmt.

Alles, was ihr besitzt, werdet ihr eines Tages aufgeben müssen.

Darum gebt jetzt, dann wird die Zeit des Gebens eure sein und nicht die eurer Erben.

Vielleicht sagt ihr nun: „Wie gerne gebe ich, doch nur jenem, der es verdient hat.“

So handeln weder die Bäume in euren Gärten, noch die Herden eurer Weiden.

Seht diese Gaben lieber als Flügel, die euch zusammen mit eurem Wohltäter erhöhen werden.

Denn wenn ihr die Dankesschuld überbewertet, so zweifelt ihr an der Großmut desjenigen, der die großherzige Erde zur Mutter hat und den barmherzigen Gott zum Vater.

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Könntet ihr doch vom Duft der Erde leben oder euch wie die Pflanze mit dem Lichte begnügen!

Wenn ihr ein Tier töten müsst, sagt zu ihm in eurem Herzen: „Die gleiche Macht, die dich tötet, wird auch mich töten, und auch ich werde verzehrt werden.“

Und wenn ihr an kalten Wintertagen den Wein ausschenkt, so erklinge ein Lied für jeden Becher Wein in eurem Herzen.

Möge dieses Lied die Erinnerung wachrufen an die Herbsttage, den Weinberg und die Kelter.

*

Stets hat man euch gesagt, Arbeit sei ein Fluch und Mühsal ein Unglück.

Ich aber sage euch, wenn ihr arbeitet, verwirklicht ihr einen Teil des ältesten Traumes dieser Erde, der gleich bei seiner Entstehung zu eurem Traum wurde.

Doch wenn ihr in eurem Schmerz eure Geburt als Bürde und die Sorge für den Leib als Fluch seht, der auf eure Stirn geschrieben ist, dann sage ich euch, nur der Schweiß eurer Stirn vermag abzuwaschen, was dort geschrieben steht.

*

Man hat euch auch gesagt, das Leben sei Finsternis und in eurer Enttäuschung wiederholt ihr die Worte jener, die vom Leben enttäuscht wurden.

Wenn ihr aber voller Liebe arbeitet, so findet ihr zu euch selber, zueinander und zu Gott.

Das Leid wird zur Freude, sobald man es genauer kennt.

Je tiefer die Wunde ist, die euer Kummer euch zufügt, umso mehr kann sie sich mit Freude füllen.

Wenn ihr froh seid, schaut tief in eure Herzen, und ihr werdet entdecken, dass der Grund eures vergangen Leids nun der Grund eurer Freude ist.

Und wenn ihr traurig seid, schaut wieder in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit über das weint, was zuvor eure Freude ausmachte.

Einige von euch sagen: „Freude kennt keine Grenzen und ist größer als alles Leid.“

Baut euch in eurer Phantasie eine luftige Laube in der Wildnis, bevor ihr euch ein Haus innerhalb der Stadtmauern baut!

Oder glaubt ihr nicht, dass euer Haus träumt und träumend die Stadt verlässt, um in Hainen und auf Hügeln zu verweilen?

Die Stadtmauern werden eure Felder noch eine Weile von der Wärme eurer Häuser trennen.

Baut eure Häuser nicht so, dass ihr eure Flügel falten müsst, um durch die Türe treten zu können, eure Köpfe beugen müsst, um nicht an die Decke zu stoßen, oder kaum atmen könnt aus lauter Sorge, die Wände könnten erzittern und einfallen!

*

Ein Weber sagte: Erzähle uns über die Kleider!

Und er sagte:

Eure Kleider verbergen viel von eurer Schönheit vor fremden Blicken, verbergen aber nicht, was unschön ist.

Wenn ihr eure Gewänder nutzen wollt, um euren persönlichen Bereich abzuschirmen, so gebt acht, dass sie euch nicht Panzer und Ketten sind.

Könntet ihr doch der Sonne und auch dem Wind mehr von eurer Haut preisgeben!

Denn das Sonnenlicht birgt den Atem des Lebens und der Wind die Hand des Lebens.

*

Und als diese Arbeit beendet war, verzog er sich lachend in den Wald.

*

Vergesst nicht, dass Keuschheit den besten Schutz vor begehrlichen Blicken bietet.

Und wenn es keine Begehrlichkeit mehr gibt, erscheint dann die Scham nicht eher als Fessel und als Beschmutzung des Geistes?

Und vergesst nicht, dass es die Erde beglückt, eure bloßen Füße zu spüren und sich die Winde danach sehnen, mit eurem Haar zu spielen.

*

Und ein Kaufmann bat: Erzähle uns über Kaufen und Verkaufen!

Wenn ihr die Gaben der Erde tauscht, werdet ihr reich werden.

Doch ohne Liebe und Gerechtigkeit wird dieser Austausch für Habgier und für Not sorgen.

Kommen aber Sänger, Tänzer und Flötenspieler zu euch, so nehmt auch von ihren Gaben!

Und bevor ihr den Marktplatz verlasst, vergewissert euch, dass niemand mit leeren Händen weggeht. Denn der großmütige Geist der Erde wird nicht eher ruhen und sich von den Winden davontragen lassen, ehe die Bedürfnisse des Geringsten unter euch befriedigt sind.

Wenn euer Geist sich vom Wind hinwegtragen lässt, so begeht ihr allein und unbewacht ein Unrecht an anderen und somit letztlich auch an euch selbst.

Wie der Äther trägt es nur jene empor, die Flügel haben.

*

Dennoch möchte ich über den Menschen in euch sprechen.

Denn er ist es und nicht euer göttliches Ich oder auch der Zwerg im Nebeldunst, der es mit Schuld und Sühne aufnehmen muss.

Zusammen stehen sie vor dem Angesicht der Sonne, so wie der weiße und der schwarze Faden zusammen in einem Tuch verwoben sind.

Reißt der schwarze Faden, so muss der Weber sowohl das ganze Gewebe als auch die ganze Arbeit prüfen.

Wenn einer von euch die untreue Frau vor Gericht bringt, so möge man auch das Herz ihres Mannes in die Waagschale legen und ihrer beiden Seelen aneinander messen.

Und wer den Übeltäter auspeitschen will, erforsche zunächst den Geist des Übeltäters.

So wie spielende Kinder Sandburgen am Meeresstrand errichten, um sie dann unter großem Gelächter zu zerstören.

*

Sie sehen nur ihre eigenen Schatten, auf deren Grundlage sie ihre Gesetze machen.

*

In den Gärten des Tempels und jenseits der Mauern der Zitadelle sah ich die Freiesten unter euch ihre Freiheit wie ein Joch oder wie Handschellen tragen:

Und mein Herz blutete, denn ihr werdet erst frei sein, wenn das Streben nach Freiheit eure Rüstung ist und wenn ihr aufhört, von der Freiheit als Ziel und Erfüllung zu sprechen.

Wenn ihr glaubt, einen Despoten entthronen zu müssen, um frei zu sein, dann sorgt zuerst dafür, dass ihr den Thron zerstört, den ihr ihm in eurem Herzen errichtet habt!

Wie könnte ein Tyrann seine Gesetze den Freien und Stolzen aufzwingen, wenn es in ihrer Freiheit keinen Tyrannen mehr gäbe und in ihrem Stolz keine Scham mehr?

*

Eure Seele gleicht oft einem Schlachtfeld, auf dem eure Vernunft und euer Verstand gegen eure Leidenschaft und euer Verlangen zu Felde ziehen.

*

Gewiss werdet ihr einem Gast nicht mehr Ehre erweisen als dem anderen, denn wer einem seiner Gäste mehr Aufmerksamkeit widmet als dem anderen, verliert die Liebe und das Vertrauen beider.

Wenn ihr zwischen den Hügeln im kühlen Schatten der weißen Pappeln sitzt und am Frieden und der Heiterkeit der Felder und Wiesen teilhabt, dann lasst euer Herz leise flüstern: "Gott ruht in der Vernunft."

Und auch wenn ihr lediglich ein Hauch in Gottes Baum seid, ein Blatt in seinem Walde, so sollt auch ihr in der Vernunft ruhen und euch in der Leidenschaft regen!

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Eine Frau sprach zu ihm und fragte: Was ist Schmerz?

Euer Schmerz sind die Risse, über die die Keime eures Verständnisses ihre Hülle durchdringen.

Wie der Obstkern aufbrechen muss, damit sein Herz in der Sonne reifen kann, so müsst auch ihr den Schmerz empfinden.

Ihr würdet die Jahreszeiten eures Herzens hinnehmen, wie ihr stets die Jahreszeiten hingenommen habt, die über eure Felder streifen.

Ihr würdet den Winter eures Kummers wach und gelassen überstehen.

Viel von eurem Schmerz ist selbst gewählt.

Er ist die bittere Arznei, mit welcher der Arzt in euch euer krankes Ich heilt.

Schenkt diesem Arzt euer Vertrauen, trinkt beruhigt seine Arznei, die er euch verordnet, und klaget nicht!

Denn seine Hand, mag sie euch auch brutal und hart erscheinen, wird von der wohlwollenden Hand des Unsichtbaren gelenkt.

Und der Becher, den er euch reicht, mag eure Lippen verbrennen, doch er wurde aus dem Ton geformt, den der große Töpfer selbst mit seinen heiligen Tränen benetzte.

*

Ein Mann sprach: Erzähle uns über die Selbsterkenntnis!

Und er sagte:

Eure Herzen betrachten in andächtiger Ruhe die Geheimnisse des Tages und der Nacht.

Doch eure Ohren dürsten danach, sich des Wissens eures Herzens zu bemächtigen.

Ihr wollt in Worte fassen, was ihr insgeheim schon immer ahntet.

Und wahrscheinlich wollt ihr den bloßen Körper eurer Träume mit euren Fingern berühren.

Und so soll es auch sein!

Die verborgene Quelle eurer Seele soll aufsteigen und sich geräuschlos ins Meer ergießen.

Und die Schätze in eurer unendlichen Tiefe werden unter eurem Blicke hell funkeln.

Denn euer Sein ist ein grenzenloses Meer.

Sagt nicht: „Ich habe die Wahrheit gefunden“, sagt vielmehr „Ich habe eine Wahrheit gefunden.“

Sagt nicht: „Ich habe den Pfad der Seele entdeckt“, sagt vielmehr: „Ich traf die Seele, als sie auf meinem Pfad ging.“

Denn die Seele wandelt auf allen Wegen.

Die Seele bewegt sich nicht auf den großen, vorgegebenen Wegen, doch sie wächst auch nicht blind wie ein Rosenstrauch.

Die Seele öffnet ihre eigene Vielfalt so wie eine Lotosblume ihre zahllosen Blütenblätter entfaltet.

*

Niemand kann euch etwas offenbaren, was nicht schon unbewusst im Dämmern eures Wissens schlummert.

Der Lehrer, der mit seinen Schülern im eindrucksvollen Schatten des Tempels umhergeht, beschenkt uns nicht mit seiner Weisheit, sondern mit seinem Glauben und seiner Liebe.

Der Sternkundige wird euch von den unendlichen Weiten des Weltraumes erzählen können, von denen er sehr viel versteht, doch es ist ihm nicht möglich, euch mit diesem Verständnis auszustatten.

Der Musiker kann euch mit seinem Gesang einen Eindruck von den wunderbar klingenden Harmonien des Universums vermitteln, er kann euch aber nicht die Ohren geben, um sie zu hören, und auch nicht die Stimme, um sie nachzuahmen.

Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken, Wünsche und Erwartungen ohne Worte geäußert und geteilt - und mit einer Freude, die keinen Beifall erheischt.

Wenn ihr nicht länger in der Einsamkeit eurer Herzen verweilen könnt, lebt ihr in euren Lippen, und in den Worten findet ihr Zerstreuung und Ablenkung.

Und fast alles, was in eurem Reden und Denken aufkeimt, ist nur von kurzer Lebensdauer.

Einige von euch flüchten sich in Redseligkeit aus Angst, mit sich selbst allein zu sein.

Denn in der Stille ihrer Einsamkeit spüren sie eine Bloßheit, die sie verbergen möchten.

Ihr betet in eurer Bedrängnis und Not.

*

Dann trat ein Mann hervor, den man nur einmal im Jahr in der Stadt sieht, und sprach: Erzähle uns über die Lebensfreude!

Die Lebensfreude ist ein Lied der Freiheit.

Sie ist die Blüte eurer Wünsche, aber nicht ihre Frucht.

Sie ist ein Vogel im Käfig, der sich emporschwingen möchte. Doch er erhebt sich nicht in den unendlichen Himmel. Und doch ist die Lebensfreude ein Lied der Freiheit.

Und wenn es etwas gibt, was ich mir wünsche, so ist es, dass ihr es aus vollem Herzen singt; doch sollt ihr beim Singen nicht den Hauch des Lebens verlieren.

Die meisten Jungen unter euch suchen das Vergnügen, als sei es das einzig erstrebenswerte Ding, und sie werden deswegen getadelt und verurteilt.

Denn sie hat sieben Schwestern, und die Geringste unter ihnen übertrifft das Vergnügen an Schönheit.

Sie sollten sich ihrer Vergnügungen mit Dankbarkeit erinnern, wie an die Ernte eines Sommers.

Doch wenn ihre Gewissensbisse ihr Gewissen erleichtern, so lasst ihnen diesen Trost!

Andere unter euch sind weder jung genug, um zu suchen, noch alt genug, um sich zu erinnern.

Und in ihrer Flucht vor dem Suchen und Erinnern meiden sie alle Freuden, denn sie wollen sich nicht vorwerfen lassen, den Geist missachtet oder ihn beleidigt zu haben.

Doch sie finden im Verzicht ihre Befriedigung.

So entdecken auch sie einen Schatz, auch wenn sie nur mit zitternden Händen nach Wurzeln graben.

*

Vergeht sich die Nachtigall an der Stille der Nacht oder der Glühwurm am Licht der Sterne?

Und wer weiß, ob das, was wir uns heute versagen, morgen nicht mit aller Macht an die Oberfläche dringt?

Euer Körper kennt sein Erbe und seine berechtigten Bedürfnisse, und er will nicht darum betrogen werden.

Ebenso ist es für die Blume ein Vergnügen, der Biene das zu überlassen, was sie für den Honig benötigt.

Die Leidenschaftlichen sagen: „Nein, so ist es nicht. Die Schönheit ist voller Schrecken und Macht!

Die Ruhelosen sagen: „Wir hören sie in den Bergen rufen und ihr Rufen wird begleitet von Hufeschlagen, Flügelrauschen und Löwengebrüll.“

Und die Erntehelfer sagen in der Sommerhitze: „Wir sahen sie mit den Herbstblättern tanzen, und Schneeflocken schmückten ihr Haar.“

*

All dies und noch mehr habt ihr über die Schönheit gesagt.

In Wirklichkeit spracht ihr nicht von ihr, sondern von euren unbefriedigten Bedürfnissen.

Doch Schönheit ist nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern die Suche nach Verzückung.

Leute von Orphalese, Schönheit ist das Leben, wenn es sich in seiner heiligsten Form entschleiert.

Die Schönheit ist die Ewigkeit, die sich in einem Spiegel betrachtet.

Und ihr seid sowohl Ewigkeit als auch Spiegel.

*

Ein alter Priester sagte: Erzähle uns über die Religion!

Und ist sie nicht zugleich in allem, was nicht Handeln und nicht Denken ist? Ist sie nicht auch Wunder und Staunen, das stets aufs Neue unsere Seele erfüllt, auch während unsere Hände den Stein behauen oder den Webstuhl bedienen?

Wer kann den Glauben seines Herzens von seinen Taten trennen oder seine Überzeugung von seinen Beschäftigungen?

Wind und Sonne werden keine Risse in seiner Haut hinterlassen.

Und wer nur nach der Moral lebt, sperrt die Nachtigall in einen Käfig.

Die schönsten Gesänge erklingen nicht hinter Gittern und Drahtgeflecht.

Erst wenn ihr vom Fluss des Schweigens getrunken habt, werdet ihr wahrhaft singen.

Erst wenn ihr den Berggipfel erklommen habt, werdet ihr euch wirklich erheben.

Gesegnet seien in unseren Herzen für immer dieser Tag, dieser Ort und der Geist. Und er entgegnete: War ich es, der gesprochen hat?

Musste ich nicht auch Zuhörer sein?

Dann stieg er die Stufen des Tempels hinab, und alle folgten ihm. Er erreichte sein Schiff und verweilte auf dem Deck.

Von dort wandte er sich noch einmal an die Menschenmenge, erhob die Stimme und sprach:

Leute von Orphalese, der Wind gebietet mir, euch zu verlassen. Ich habe es weniger eilig als der Wind, doch muss ich aufbrechen.

Und die Sonne geht für uns niemals dort auf, wo sie uns am Vorabend verließ.

Selbst wenn die Erde schläft, sind wir auf Wanderschaft.

Wir sind die Samen einer mehrjährigen Pflanze und wenn unser Herz seine Reife und Fülle erlangt, sind wir dem Wind anheimgegeben, der uns zerstreut.

Kurz waren meine Tage in eurer Mitte, und kürzer noch die Worte, die ich zu euch sprach.

Doch sobald meine Stimme in eurem Ohr verklingt und meine Liebe in eurer Erinnerung verblasst, werde ich in eure Mitte zurückkehren.

Und ich werde zu euch sprechen mit offenerem Herzen und mit Lippen, die dem Geist willfähriger sind.

Wenn mich auch der Tod verbirgt und das große Schweigen mich einhüllt, so werde ich gleichwohl euer Verständnis wieder suchen.

Und ich werde nicht vergeblich um euer Gehör bitten.

Wenn etwas von dem, was ich sagte, wahr ist, so wird sich diese Wahrheit mit klarerer Stimme offenbaren und mit Worten, die eurem Denken angemessener sind.

Ich breche auf mit dem Wind, Leute von Orphalese, doch meine Reise führt mich nicht ins Nichts.

Und war dieser Tag keine Erfüllung eurer Bedürfnisse und meiner Liebe, so sei er Verheißung für einen anderen Tag.

Die Bedürfnisse der Menschen verändern sich, nicht aber seine Liebe, und auch nicht der Wunsch, dass diese Liebe seine Bedürfnisse befriedige.

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Wisset also, dass ich aus dem größeren Schweigen zurückkehren werde.

Der Nebel, der sich beim Morgenrot auflöst und Felder und Wiesen mit Morgentau benetzt, wird aufsteigen, sich zur Wolke verdichten und wieder als Regen herabfallen.

Und in meine Stille drang das Lachen eurer Kinder in Bächen und die Sehnsucht eurer Jugendlichen in Strömen.

Gemessen an seinem Gesang ist euer Singen nichts als ersticktes Seufzen.

In Ihm, dem Allumfassenden, seid auch ihr allumfassend.

Ihre Kraft bindet euch an die Erde, ihr Duft erhebt euch in den Kosmos, und in ihrer Dauerhaftigkeit seid ihr unsterblich.

Ihr seid auch so stark wie ihr stärkstes Glied.

Euch nach eurer geringsten Tat zu beurteilen, hieße, die Macht des Meeres nach der Zartheit seiner Gischt zu bewerten. Euch nach euren Versäumnissen zu beurteilen, hieße, den Jahreszeiten ihre Unbeständigkeit vorzuhalten.

Wenn ihr auch in eurem Winter euren Lenz verleugnet, so ruht er dennoch in euch, schlaftrunken lächelnd, ohne den Zweifel an sich heranzulassen.

Weise kamen zu euch und beschenkten euch mit ihrer Weisheit.

Ich aber kam, um mir einen Teil von eurer Weisheit schenken zu lassen, über die ihr bereits verfügtet.

Nur das Leben, welches das Leben im Körper sucht, fürchtet das Grab.

Diese Berge und Täler sind Wiege und heilige Schwelle zugleich.

Denn als ich meine Flügel in der Sonne ausbreitete, zeichnete ihr Schatten auf der Erde eine Schildkröte nach.

Nach diesen Worten blickte er sich um, und er sah den Lotsen seines Schiffes am Steuerrad stehen und bald auf die Segel, bald in die Ferne blicken.

Und wenn es nicht genügt, werden wir wieder zusammenkommen und unsere Hände gemeinsam nach Ihm ausstrecken, der uns alles gibt.

Vergesst nicht, dass ich zu euch zurückkehren werde!

Eine kleine Weile noch, ein kurzes Rasten auf dem Wind, und eine andere Frau wird mich gebären.

Lebt wohl, ihr und die Jahre der Jugend, die ich mit euch verbrachte.

Es erscheint mir wie gestern, dass wir uns im Traum begegneten.

Ihr sangt für mich in meiner Einsamkeit, und ich baute aus euren Sehnsüchten einen Turm in den Himmel.

Doch heute ist unser Schlaf gestört, unser Traum ist vorbei und die Morgendämmerung ist schon vorüber.

Es ist Mittagszeit; aus unserem Halbschlaf wurde ein heller Tag, und wir müssen Abschied nehmen.

Wenn wir uns im Dämmerlicht der Erinnerung wieder begegnen, werden wir wieder miteinander reden, und ihr werdet mir ein tieferes Lied singen.

Und wenn sich unsere Hände im Traum umeinander schließen, werden wir gemeinsam einen anderen Turm in den Himmel bauen.

*

Mit diesen Worten gab er den Seeleuten ein Zeichen, und sogleich lichteten sie den Anker, lösten die Vertäuung und brachen gen Osten auf.

Da erhob sich aus der Menschenmenge ein Schrei wie aus einer Brust, stieg in die Dämmerung auf und ergoss sich wie ein gewaltiger Fanfarenstoß über das Meer.

Nur Almitra schaute schweigend dem Schiff nach, bis der Nebel es aufgenommen hatte. „Eine kleine Weile noch, ein kurzes Rasten auf dem Wind, und eine andere Frau wird mich gebären“.

 

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